08/2008 Bildende Kunst

Ideal und Wirklichkeit

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Katalogbeitrag von Michael Stoeber

I.
Monika Czosnowska ist als Künstlerin mit ihrer Fotoserie der Novizen (2004) bekannt geworden. Die eindrucksvollen Bilder zeigen junge Frauen und Männer, die willens sind, in ein Kloster einzutreten, um ihr Leben Gott zu weihen. Das Noviziat ist die Prüfungszeit, in der sie sich auf das Klosterleben vorbereiten und Gelegenheit haben, ihren Entschluss zu überdenken. Den Novizen lässt Monika Czosnowska die Fotoserien Eleven (2007) und Eleven 2 (2008) folgen, die ihnen thematisch verwandt sind. Sie zeigen Mitglieder eines Kinderchores sowie junge und ältere Schülerinnen und Schüler. Wie die Namen der Serien deutlich machen, handelt es sich bei den Dargestellten um Katholiken oder um Menschen, die den Glaubensidealen des Katholizismus nahe stehen. Die meisten Modelle für ihre Porträts hat die Künstlerin in ihrem Heimatland Polen gefunden. Auf den ersten Blick bestechen die ikonenähnlichen Aufnahmen durch die reinen und klaren, stillen und in sich ruhenden, oft zugleich jungen und reifen Gesichter, die sie zeigen.

II.
Czosnowskas Aufnahmen rufen in Erinnerung, was Friedrich Schiller (Über Anmut und Würde) und Heinrich von Kleist (Über das Marionettentheater) über Schönheit, Anmut und Grazie geschrieben haben. Stärker als auf äußerliche Attribute richten sie ihren Blick auf das Innere des Menschen. Der Agent äußerer Schönheit ist für sie die schöne Seele, die selbstvergessen in sich ruht. „Anmut ist ein großer Glanz von Innen.“ So ließe sich in Abwandlung eines bekannten Rilke-Wortes die Vorstellung der Dichter fassen. Schönheit, Anmut und Grazie verdanken sich ihnen zufolge in hohem Maße dieser Selbstvergessenheit. Sie meint vor allem das Vergessen des eigenen Körpers. Seiner nicht mehr inne zu sein, für den Augenblick kein Bewusstsein mehr von ihm zu haben, weil man ganz identisch ist mit ihm. Das „Unwillkürliche“ ist sowohl für Schiller als auch für Kleist ein Schlüsselbegriff. Je dunkler die Reflexion, so Kleist, je heller strahle die Grazie. Das heißt: Je stärker die Selbstvergessenheit, umso leuchtender die Anmut.

III.
Der Glanz, in dem Czosnowskas Bilder strahlen, ist umso erstaunlicher, als gerade die Fotografie diese Selbstvergessenheit eigentlich unmöglich leisten kann. Sie ist ein Medium, das die Pose notwendig forciert. Der große Porträtfotograf Richard Avedon spricht in diesem Zusammenhang sogar von „Performance“. Sobald die Menschen, wie bescheiden oder pathetisch sie auch immer sein mögen, ein Kameraauge auf sich gerichtet fühlen, fangen sie an zu „posieren“. Das kann laut oder leise, übertrieben oder zurückgenommen sein. Nie oder selten ist das Porträt ein angehaltener Augenblick in einem kontinuierlichen Bewegungsablauf, sondern stets Inszenierung. Eine Inszenierung, die den Porträtierten einfriert und still stellt, noch stärker als es jedes Foto ohnehin tut. Eine Inszenierung, die sich zumeist – wie auch in den Bildern von Czosnowska – auf Gesicht und Oberkörper der Porträtierten konzentriert, denn die Darstellung von Händen und Gesten verweist als Handlung bereits auf eine folgende. Porträts zeigen weniger, wer wir sind, sondern eher, wer wir sein möchten.

IV.
Gerade diese Ambivalenz ist es, welche die Bilder von Monika Czosnowska für den Betrachter so reizvoll macht. Dadurch sind sie mehr als Monumente von Anmut und Würde. Auch wenn die Künstlerin alles tut, um diesen Eindruck à première vue zu verstärken. Sie fotografiert ihre Modelle – bis auf wenige Ausnahmen – frei gestellt vor hellen oder dunklen Hintergründen, die unseren Blick unabgelenkt und frontal auf die Dargestellten konzentrieren. Die nehmen in klassischer Manier die Mitte des Bildes ein, das Licht fällt hell und leuchtend auf sie und hebt ihre Gegenwart hervor. Und doch liegt die Schönheit dieser Aufnahmen weniger darin, dass sie ein Ideal von Reinheit und Vollkommenheit ausstellen, sondern vielmehr darin, dass sie den Wunsch danach sichtbar werden lassen. Was im Übrigen für den Betrachter auch fesselnder ist, denn so werden diese Bilder auf subtile Weise dramatisch. Vollkommene Schönheit zwingt den Betrachter stets zur Affirmation, ja fordert seine „Unterwerfung“. Und hat daher immer ein terroristisches Element. Deshalb dichtete Rilke in den Duineser Elegien: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“

V.
Der Reiz der Aufnahmen von Monika Czosnowska liegt in der dramatischen Widersprüchlichkeit von Sein und Wollen, von Existenz und Entwurf, von Ideal und Wirklichkeit. Der Novize mit den dunklen Haaren, Adrian, erinnert in seiner sinnlichen Schönheit an Stendhals Julien Sorel aus Rot und Schwarz, als er zum ersten Mal Madame de Rênal gegenüber tritt und sie bezaubert. Er könnte auch ein Hollywood-Schauspieler in der Rolle eines Novizen sein. Sein schräg am Betrachter vorbei in die Ferne schauender Blick ähnelt dem eines kühnen Abenteurers. Daniel, der Novize mit den kurzen Haaren, wirkt in sich gekehrter. Seine Augen prüfen den Boden vor ihm, als erwäge er ein philosophisches Problem. Seine Körperhaltung bleibt unentschieden zwischen Anpassung und Auflehnung, als müsse er noch entscheiden, ob er lieber für sich oder für die anderen da sein will. Larissa, die Novizin, erinnert in Tracht und Haltung an Jan Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge – darauf ist schon oft hingewiesen worden. Den spröden, nachdenklichen Ausdruck ihres Gesichtes scheinen die dunklen Augen und ihre schönen, vollen Lippen Lügen zu strafen.

VI.
„Ich“ ist ein anderer, lesen wir bei Rimbaud. „Ich“ ist stets mehrere – und wenigstens zwei – verraten uns bei näherer Betrachtung die Bilder von Monika Czosnowska. Die Sinnlichkeit, welche die von ihr Porträtierten trotz aller Sublimierungsanstrengungen so unübersehbar auszeichnet, ihr „Habeas-Corpus-Recht“, ihr Körperhaben, hat unübersehbar auch mit der Farbe der Bilder zu tun. Wenn schon immer wieder das Malerische der Czosnowska-Porträts hervorgehoben wird und die Orientierung ihrer Fotografie an der Renaissance-Malerei, dann sei in diesem Zusammenhang auch an den alten Renaissance-Streit zwischen Florenz und Venedig erinnert, was Vorrang haben solle in der Malerei, Farbe oder Linie. Das war ja stets mehr als ein nur akademischer Streit. Da ging es auch um die Priorität eines Menschenbildes. Wenn die Venezianer für die Farbe als primären Agenten der Malerei plädierten, dann gaben sie auch einem Blick auf die Welt den Vorzug, der die Wirklichkeit durch das Prisma des Gefühls wahrnimmt, nicht de more geometrico über die Linie als Medium der Kognition.

VII.
Betrachten wir Monika Czosnowskas Porträts vor dem Hintergrund der Werke eines der großen Porträtisten des letzten Jahrhunderts, August Sander, dann werden Unterschiede deutlich, die das Spezifische dieser Bilder weiter prononcieren. August Sander wird gerühmt als großer Soziologe unter den Fotografen, als Dokumentarist, der prägnant und akribisch die Menschen des 20. Jahrhunderts im Bild festhielt. Bei ihm geht das Allgemeine immer dem Besonderen voran oder besser, es geht in ihm auf. In seinen schwarzweißen Bildern gibt es keine Rollenkonflikte. Sondern er bemüht sich – mit Erfolg – den typischen Vertreter eines Berufes oder Standes im Bild zu fassen, so wie er und mit ihm die Menschen seiner Zeit diesen Typus verstanden. Das ergibt ein exzeptionelles Panoramabild der Gesellschaft der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Daher reicht Sander als Bezeichnung unter seinen Bildern Arbeitsloser, Gepäckträger, Schuster, Richter usw. Die Titel machen deutlich, dass das Individuelle hier im Typologischen verschwindet, bzw. von ihm nachhaltig bis hin zum Stereotyp geprägt wird.

VIII.
Ganz anders in den Bildern von Monika Czosnowska. Nicht von ungefähr trägt jedes ihrer Porträts den Vornamen des Dargestellten, was der Persönlichkeit gegenüber ihrem Stand als Novize oder Eleve den Vorrang gibt. Diese Privilegierung des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen grenzt Czosnowskas Porträts von denen Sanders ab. Sie macht, dass jede Aufnahme ein Minidrama aufführt, in dem Wunsch und Wirklichkeit, Tag und Traum, Ideal und Alltag gegen einander stehen. Die Bildergalerie ist auch eine subtile Kritik jeder Art von Kollektiv und der Vorstellung, es könne vor dem Individuum rangieren. Wie sollte das wohl sein, wenn das Charakteristikum der Gruppe in Czosnowskas Bildern gerade ihre Differenzierung und nicht die Normierung ist? Die Knaben des Chors in der Bildreihe der Eleven eint ihre einheitliche Tracht und ihr Enthusiasmus für den Gesang. Ansonsten sind sie schon heute so verschieden von einander, wie sie es auch in Zukunft sein werden. Hinter ihren andachtsvollen Mienen blicken uns der Kühne, Mutige und Draufgängerische ebenso an wie der Schüchterne, Stille und Nachdenkliche.

IX.
Nicht anders bei den Porträts der Schüler und Jugendlichen. Schauen wir auf das Mädchen mit den blonden Haaren, Clara, die vor einer Wand im Freien posiert, mit züchtig vor dem Schoß gefalteten Händen. Die ungebändigte Flut ihrer goldblonden Locken lässt eine künftige Wildheit erahnen, die der Blick der blauen Augen vielleicht noch nicht herausgibt, aber doch schon ihr leicht spöttischer Mund. Ein anderes Mädchen, Marta, hat etwas Katzenhaftes und Sinnliches, das sich in den kommenden Jahren wohl noch verstärken wird. So geht es auch mit der träumerischen Aura des dunkelhaarigen Mädchens mit den großen, braunen Augen, Hanna. Oder mit der wohl erzogenen und nachdenklichen, gleichwohl skeptischen Haltung des dunkelblonden Jan. Der freie, offene Blick des blonden Jonas zeigt schon jetzt den Kämpfer, der seine Überzeugungen engagiert zu vertreten weiß. Oder die verschlossenen Lippen des jungen Maximilian, der den Eindruck erweckt, als schulde die Welt ihm etwas. Dann das Mädchen mit der stolzen Haltung, Anastasia, hinter der man bereits die selbstbewusste junge Frau erahnt.

X.
Sie alle fesseln nicht allein als Darsteller von Anmut und Grazie, als Repräsentanten einer von innen strahlenden und als Verächter einer modischen, im Zeitgeist aufgehenden Schönheit, sondern auch durch die Ambivalenzen, die ihrer Darstellung eingeschrieben sind. Das ist das von Roland Barthes beschriebene punctum in Czosnowskas Bildern, was sie in unserem visuellen Gedächtnis verbleiben lässt und unvergesslich macht. Dazu kommt, dass die Fotografien der Künstlerin die conditio humana nicht als ideale sondern eher als eine nach dem Idealen strebende Existenz beschreiben. Eine Existenz, deren Wesen der Widerspruch ist. Die sich entfaltet in den gegensätzlichen Aspirationen von Kopf und Körper, Sinn und Sinnlichkeit, Ideal und Wirklichkeit. Diese auszuhalten, auszugleichen und auszubalancieren sind wir aufgerufen. Wie auch die Diskrepanz zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, dem Individuellen und dem Stereotypen. Ohne nur im Entferntesten identisch zu sein, gehen sie in den Bildern von Monika Czosnowska doch eine stark ausstrahlende Wechselwirkung ein. Das zu beobachten ist ebenso faszinierend wie erhellend.