Jonas Englert, 2026
Bildergalerie
geboren 1989 in Friedberg, Deutschland; lebt und arbeitet in Frankfurt am Main
Vita
Projekt Zeppelin Museum Friedrichshafen / RE-SEARCH 2026
Wie wurde das Luftschiff im Nationalsozialismus als wirkmächtiges Symbol konstruiert und wie wirken diese Bilder bis heute im kollektiven Gedächtnis fort? Diesen und weiteren Fragen widmet sich Jonas Englert in seiner neuen Arbeit, die im Rahmen der Ausstellung „Gefühlte Wahrheiten. Zeppeline und Nationalsozialismus“ entsteht und durch das RE-SEARCH. ZF-Forschungsstipendium ermöglicht wird.
Englert betrachtet den Zeppelin nicht primär als historisch-technisches Objekt, sondern als Bild und Projektionsfläche kollektiver Vorstellungen, Affekte und verdrängter Narrative. Das scheinbar selbstverständliche Staunen über seine Präsenz am Himmel wird zur kritischen Frage.
Im Zentrum seines Kunstwerks steht das Luftschiff als visuelles und imaginäres Phänomen: die kritische Analyse seiner Bildgeschichte ebenso wie die künstlerische Untersuchung jener affektiven Strukturen und Zuschreibungen – seiner „Bedeutungsenergie“ –, die unter der Oberfläche seiner Darstellungen wirksam sind.
Über Generationen hinweg haben sich im Bild des Zeppelins Vorstellungen von Nation, technischer Überlegenheit, Männlichkeit, Expansion und Personenkult verdichtet. Diese symbolische Aufladung machte das Motiv früh zu einem wirkungsvollen Instrument politischer Inszenierung und Propaganda – im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und insbesondere im Nationalsozialismus. Auch nationalsozialistische Ideologie schreibt sich bereits lange vor Hitlers Machtergreifung in die Bildwirkung des Zeppelins ein und wirken bis in die Gegenwart fort.
Englert liest sie als Teil einer längeren Linie, die von nationalen Luftfahrtutopien bis zu heutigen Erzählungen von Weltraumeroberung und planetarer Expansion reicht. Seine mehrkanalige Videoarbeit ist eine Montage heterogener Bild- und Filmmaterialien. In einer Vielbildlichkeit werden die Materialien nicht erklärt, sondern in neue Konstellationen gebracht, die ihre affektiven Aufladungen sichtbar machen, irritieren und brechen.
Propaganda erscheint dabei nicht als geschlossenes Bildprogramm, sondern als affektives Dispositiv. Das zeigt sich auch in scheinbar marginalen Archivobjekten – etwa in Medaillen und Auszeichnungsplaketten mit Durchhalteparolen, in Kranzschleifen von Grabstätten verunglückter Besatzungsmitglieder oder in anderen aufgeladen Bildformeln etwa aus Film und Literatur. Über emotionale Ansprachen, Identifikation und suggestive Versprechen von Kontrolle, Überlegenheit und Entgrenzung trägt dieses Gefüge zur Normalisierung von Gewalt und nationaler Selbstüberhöhung bei.
Englerts Arbeit versteht sich nicht als distanzierende Rückschau, die Faschismus als abgeschlossenes historisches Phänomen behandelt, sondern richtet den Blick auch auf die Gegenwart. Sie fragt nach der Fortdauer affektiver Bilder und internalisierter Vorstellungen von Nation, Männlichkeit, Macht und Allmacht – auch dort, wo sie sich jenseits expliziter Symbolik fortschreiben. Die künstlerische Strategie besteht darin, Bilder wirken zu lassen – und sie im nächsten Moment zu stören: durch Re-Kontextualisierung, Kontrastierung, Überlagerung und Montage. So lässt Englert einen offenen Denk- und Bildraum entstehen, der dazu einlädt, das scheinbar Evidente als gemacht zu erkennen und jene „gefühlten Wahrheiten“ zu hinterfragen, die politische Wirksamkeit entfalten, gerade weil sie sich der reinen Rationalität entziehen.