Monika Czosnowska, 2008

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geboren 1977 in Stettin, Polen; lebt und arbeitet in Berlin


Vita
1997 – 2004
Studium an der Universität Essen bei Prof. B. Prinz und Prof. Dr. H. Wolf
Preise und Stipendien (Auswahl)
2009
Förderpreis der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland
2008
Stipendium ZF Kunststiftung
2004
Preisträgerin gute aussichten – junge deutsche fotografie
Einzelausstellungen (Auswahl)
2008
Eleven, ZF Kunststiftung im Zeppelin Museum Friedrichshafen
2006
Novizen, Galeria Krypta Pijarow, im Rahmen des photomonth, Krakau
2005
Novizen, Galerie Otto Schweins, Köln
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2014
Die beste aller Welten, Städtische Galerie Nordhorn
2013
gute aussichten_zoom, Museum Marta Herford
2005
gute aussichten, Deichtorhallen Hamburg
Katalogtexte

Eleven

Regina Michel im Gespräch mit Monika Czosnowska

RM: Monika, ohne Zweifel, der Mensch steht im Mittelpunkt deiner Arbeit. Dabei nimmst du die individuellen Merkmale jedoch stark zurück, in den Serien Novizen oder Eleven genauso wie in den Einzelporträts. Die Kleidung, aber auch die Haltung der abgebildeten Personen wirken zeitlos, Hinweise auf die Lebensumstände, den privaten Lebensraum fehlen. Du blendest das persönliche Umfeld weitgehend aus. Was ist es, was dich am Menschen interessiert?

MC: Das klassische Einzelporträt, das versucht anhand der Physiognomie Wesens- oder Charakterzüge des individuellen Menschen zu zeigen, interessiert mich nicht. Es geht mir nicht um den Menschen als Individuum. Ich nutze die Physiognomie ganz bewusst als Projektionsfläche, um bestimmte Werte zu visualisieren, die sich hinter der Oberfläche, hinter den Gesichtern verbergen. Alle Hinweise auf das Individuum, auf einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Zeit würden von diesen Werten nur ablenken.

RM: In den Serien Novizen und Eleven, aber auch in den Einzelbildern geht es dir um Werte wie Unberührtheit, Reinheit und Anmut, die du anhand der Menschendarstellungen sichtbar machen willst. Wo findest du deine Modelle? Wie wählst du deine Modelle aus?

MC: Für meine Serien bin ich zum Fotografieren in meine Heimat, nach Polen, gefahren. Für die Serie Novizen habe ich in polnischen Klöstern fotografiert. Meine Modelle für die Serien Eleven und Eleven 2 habe ich in Knabenchören und Schulklassen gefunden.

Die Auswahl der Modelle für die Einzelporträts dagegen geschieht meistens ganz spontan, aus einem Bauchgefühl heraus. Ich halte die Augen ständig offen, scanne Gesichter, bin permanent auf der Suche nach der richtigen Physiognomie, dem richtigen Ausdruck, der richtigen Haltung, die genau in meine Bilder passt. Wenn der Funke dann überspringt, wenn ich das richtige, das noch fehlende Gesicht auf der Straße sehe, verdichtet es sich für mich, vor meinem inneren Auge bereits zu dem späteren Bild. Dieses Gesicht muss ich dann einfach fotografieren.

RM: Wieso kommen die meisten Modelle aus Polen?

MC: Es ist kurios, selbst in Deutschland spreche ich ungewollt, unterbewusst immer wieder slawische Typen an. Es sind offensichtlich bestimmte Momente in den Gesichtern, die an eine Seite in meiner Vergangenheit rühren und mich an meine Herkunft, meine Kindheit, meinen Ursprung erinnern und die ich mit ganz bestimmten Werten verbinde. Dabei müssen diese Werte nicht zwingend etwas mit der konkreten Person zu tun haben, es sind vielmehr bestimmte Menschentypen, Physiognomien mit bestimmten Merkmalen, die für mich Werte wie Unberührtheit, Unschuld oder Reinheit transportieren.

RM: Das Habit der Novizen, aber auch die weißen Hemden und Blusen der Eleven, die an eine Schuluniform denken lassen, uniformieren die Porträtierten, nehmen deren Individualität bereits zurück, zudem lassen sich die Fotoarbeiten so weder datieren noch verorten.

MC: Das ist ideal. Durch die zeitlose Kleidung, das Habit, die Kutte oder auch durch die Schuluniformen werden die Werte, die ich mit meinen Fotografien transportieren möchte, noch unterstützt.

RM: Aber auch die Einzelporträts erscheinen losgelöst von Ort und Zeit. Wie gehst du vor, um die zeitlose Anmutung zu erzielen?

MC: Wenn ich eine Person auf der Straße finde, verabrede ich einen Fototermin, möglichst bei dem Modell zuhause. Es sind ja meistens junge Leute oder Kinder, die sich in der gewohnten Umgebung am wohlsten fühlen. Dort suchen wir dann gemeinsam aus der vorhandenen Kleidung ein Stück aus, das meinen Vorstellungen nahe kommt, möglichst schlicht und zeitlos wirkt. Da aber gerade junge Menschen häufig sehr modische Kleidung in ihrem Kleiderschrank haben, bringe ich für alle Fälle auch immer ein „Notfallhemd“ oder ein „Notfallblüschen“ mit. Es geht mir vor allem darum, dass die Kleidung in den Hintergrund tritt, sich die Aufmerksamkeit ganz auf das Gesicht konzentriert.

RM: In der Regel verändert die Präsenz einer Kamera das Verhalten der Menschen vor der Kamera. Einige der Mädchen und Jungen, der jungen Frauen und Männer auf deinen Fotografien wirken, als hätten Sie die Kamera vergessen. Ihr Blick geht in eine unbestimmte Ferne, sie wirken versunken, nach innen gekehrt, aber auch gelöst, als wären sie in einer anderen Welt. Wie gelingt es dir, dass die Porträtierten die Kamera fast vergessen?

MC: Wenn alles gut geht, dann gibt es diese Momente, in denen die Kamera nicht mehr präsent ist. Dafür brauche ich vor allem Zeit. Es dauert eine Weile, bis die Modelle auftauen, die Anfangsnervosität überwinden, Vertrauen fassen und eine gewisse Gelassenheit bekommen. Kinder bitte ich häufig, eine Mathematikaufgabe im Kopf zu lösen oder das Einmaleins durchzugehen. Vor allem wenn ich merke, dass es einem Kind schwer fällt, sich zu entspannen, es ununterbrochen kichert, sind solche Hilfsmaßnahmen praktisch. Häufig vergessen die Jungen und Mädchen ihre Umgebung dann, sind für einen Moment in ihrer eigenen Welt, ganz in sich selbst versunken. Bei Kindern funktioniert das meistens ganz gut. Bei Erwachsenen ist es schwieriger, sie sind sich der Situation eher bewusst, aber auch hier helfen Ruhe und Gelassenheit. Nicht zuletzt trägt das ruhige, langsame Arbeiten mit meiner analogen Mittelformatkamera zu einer entspannten, gelassenen Atmosphäre bei. Zwischen den einzelnen Fotos können schon mal einige Minuten vergehen, bis alles stimmt.

RM: Gibst du ganz konkrete Regieanweisungen? Gibst du beispielsweise die Blickrichtung vor?

MC: Eigentlich überlasse ich nichts dem Zufall. Das beginnt, wie gesagt, bereits bei der Auswahl der Kleidung. Aber auch zur Körperhaltung mache ich ganz konkrete Vorgaben. Ich sage zum Beispiel: „Konzentriere dich bitte auf den und den Punkt.“ Ich korrigiere aber auch die Haltung, nehme beispielsweise eine Schulter zurück oder drehe den Kopf. Wenn man so will, werden die Modelle vor meiner Kamera zum Material, aus dem ich mein Bild forme.

RM: Einige deiner Bilder erinnern an klassische Porträtmalerei, beispielsweise an Jan Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Welche Rolle spielen Vorbilder aus der Kunstgeschichte für deine Bildkomposition?

MC: Die Porträtmalerei, Malerei überhaupt, spielt eine große Rolle für meine Arbeit. Schon lange bevor ich mich mit Fotografie beschäftigt habe, habe ich mich für Malerei, insbesondere die der alten Meister interessiert. So war ich ein Semester in Krakau als Gasthörerin in Kunstgeschichte eingeschrieben und habe mich während dieser Zeit intensiv mit Porträtmalerei auseinandergesetzt. Immer wieder schaue ich mir Porträts alter Meister an und studiere Gesten und Posen der abgebildeten Personen. Gerade bei den Novizen sind Assoziationen an klassische Porträtmalerei also vielleicht nicht ganz zufällig.

RM: Hast du die Novizin Larissa bewusst in der Pose des Mädchens mit dem Perlenohrring inszeniert?

MC: Nein. Ich wollte Larissa nicht von vorne herein in der Haltung des Mädchens mit dem Perlenohrring fotografieren. Aber Jan Vermeer ist einer meiner Lieblingsmaler und ich denke, dass mich die Haube der Novizin zu dieser Fotografie inspiriert haben könnte. Es könnte auch sein, dass ich die Fotografie dann aufgrund der Komposition ausgewählt habe, aber es war keine bewusste Inszenierung, das ist eher unterbewusst geschehen.

RM: Bei den Eleven lassen sich auf den ersten Blick keine Vorbilder aus der Porträtmalerei erkennen. Die klassische Komposition verleiht aber auch diesen Bildern eine ganz eigene Aura und trägt zur zeit- und ortlosen Anmutung wesentlich bei. Wie sieht deine Bildkomposition konkret aus?

MC: Ich wähle in der Regel das Halbprofil, Kopfneigung und Schulterhaltung entsprechen klassischen, ruhigen Posen. Die Bilder sollen Ruhe ausstrahlen. Zudem arbeite ich ausschließlich mit Tageslicht, das im Idealfall direkt von vorne kommt und das Gesicht möglichst gleichmäßig ausleuchtet. Das macht meine Fotoarbeiten weicher, vielleicht sogar etwas malerischer. Dann kommt natürlich auch noch der Moment im Labor dazu. Ich ziehe meine Bilder ja selber ab und dabei beeinflusse ich die Farbigkeit, aber auch den Hell-Dunkel-Kontrast ganz in meinem Sinne, sprich zugunsten des von mir gewünschten Ausdruckes – hin zu einem Hauch Verklärtheit beispielsweise. Zur zeitlosen Anmutung meiner Arbeiten trägt aber auch die Wahl der Namen bei. Bewusst wähle ich Namen, die keinem Modetrend unterworfen sind und die Fotografie so zum endgültigen Bild verdichten.

RM: Könnten die Porträtierten auch frontal in die Kamera schauen, wie bei Arbeiten von Thomas Ruff?

MC: Ich ziehe das Halbprofil vor. Der frontale Blick in die Kamera wäre für meine Arbeiten zu direkt, würde zu sehr den Kontakt, die Auseinandersetzung mit dem Betrachter suchen. Meine Menschenbilder sollen kein Gegenüber sein. Sie sind indifferenter, sollen Werte, Stimmungen, Gefühle transportieren, vielleicht auch Sehnsüchte wecken. Der frontale Blick in die Kamera erinnert mich zudem an Passbildfotografie und ist damit für mich zu sehr mit der Dokumentation verbunden. Ich suche einen anderen Ausdruck, eine gewisse Distanz zur Welt.

RM: Keiner der Porträtierten lächelt, selbst diejenigen, die etwas verklärt schauen, blicken dennoch ernst in die Kamera. Die Fotoarbeiten sind zwar leise, aber sie sind nicht süß oder weich gezeichnet.

MC: Ich sehe den Moment, den ich darstellen möchte, eher in einem ernsten, melancholischen, nachdenklichen, kontemplativen Gesichtsausdruck. Ein Lächeln wäre schon wieder zu viel.

RM: Deine Bilder sind eher kontemplativ denn konfrontativ, haben etwas Verträumtes, Entrücktes, wecken Sehnsüchte. Wie erzielst du diese Wirkung?

MC: Ich denke, da kommt alles zusammen: Physiognomie, Ausdruck, Kleidung, Pose, Bildkomposition und eben auch die Lichtführung verdichten sich zum Gesamtausdruck. Und, ich inszeniere meine Fotoarbeiten ja, um genau diesen Ausdruck zu erzielen. Das beginnt, wie gesagt, bereits bei der Auswahl der Modelle oder der Kleidung.

RM: Deine Fotoarbeiten wirken fast etwas „alt-modisch“, etwas anachronistisch.

MC: Ja, ganz bewusst. Unberührtheit, Anmut und Reinheit sind ja auch ganz traditionelle Werte. Ich möchte diese Werte, die meine Kindheit und Jugend geprägt haben, in meinen Bildern festhalten, zumal ich denke, dass sie in den letzten Jahren ein wenig aus der Mode gekommen sind. Vielleicht können meine Arbeiten beim Betrachter ja wieder eine gewisse Sehnsucht nach diesen Werten wecken.

 

Ideal und Wirklichkeit

Michael Stoeber

I.
Monika Czosnowska ist als Künstlerin mit ihrer Fotoserie der Novizen (2004) bekannt geworden. Die eindrucksvollen Bilder zeigen junge Frauen und Männer, die willens sind, in ein Kloster einzutreten, um ihr Leben Gott zu weihen. Das Noviziat ist die Prüfungszeit, in der sie sich auf das Klosterleben vorbereiten und Gelegenheit haben, ihren Entschluss zu überdenken. Den Novizen lässt Monika Czosnowska die Fotoserien Eleven (2007) und Eleven 2 (2008) folgen, die ihnen thematisch verwandt sind. Sie zeigen Mitglieder eines Kinderchores sowie junge und ältere Schülerinnen und Schüler. Wie die Namen der Serien deutlich machen, handelt es sich bei den Dargestellten um Katholiken oder um Menschen, die den Glaubensidealen des Katholizismus nahe stehen. Die meisten Modelle für ihre Porträts hat die Künstlerin in ihrem Heimatland Polen gefunden. Auf den ersten Blick bestechen die ikonen-ähnlichen Aufnahmen durch die reinen und klaren, stillen und in sich ruhenden, oft zugleich jungen und reifen Gesichter, die sie zeigen.

II.
Czosnowskas Aufnahmen rufen in Erinnerung, was Friedrich Schiller (Über Anmut und Würde) und Heinrich von Kleist (Über das Marionettentheater) über Schönheit, Anmut und Grazie geschrieben haben. Stärker als auf äußerliche Attribute richten sie ihren Blick auf das Innere des Menschen. Der Agent äußerer Schönheit ist für sie die schöne Seele, die selbst-vergessen in sich ruht. „Anmut ist ein großer Glanz von Innen.“ So ließe sich in Abwandlung eines bekannten Rilke-Wortes die Vorstellung der Dichter fassen. Schönheit, Anmut und Grazie verdanken sich ihnen zufolge in hohem Maße dieser Selbstvergessenheit. Sie meint vor allem das Vergessen des eigenen Körpers. Seiner nicht mehr inne zu sein, für den Augenblick kein Bewusstsein mehr von ihm zu haben, weil man ganz identisch ist mit ihm. Das „Unwillkürliche“ ist sowohl für Schiller als auch für Kleist ein Schlüsselbegriff. Je dunkler die Reflexion, so Kleist, je heller strahle die Grazie. Das heißt: Je stärker die Selbstvergessenheit, umso leuchtender die Anmut.

III.
Der Glanz, in dem Czosnowskas Bilder strahlen, ist umso erstaunlicher, als gerade die Fotografie diese Selbstvergessenheit eigentlich unmöglich leisten kann. Sie ist ein Medium, das die Pose notwendig forciert. Der große Porträtfotograf Richard Avedon spricht in diesem Zusammenhang sogar von „Performance“. Sobald die Menschen, wie bescheiden oder pathetisch sie auch immer sein mögen, ein Kameraauge auf sich gerichtet fühlen, fangen sie an zu „posieren“. Das kann laut oder leise, übertrieben oder zurückgenommen sein. Nie oder selten ist das Porträt ein angehaltener Augenblick in einem kontinuierlichen Bewegungsablauf, sondern stets Inszenierung. Eine Inszenierung, die den Porträtierten einfriert und still stellt, noch stärker als es jedes Foto ohnehin tut. Eine Inszenierung, die sich zumeist – wie auch in den Bildern von Czosnowska – auf Gesicht und Oberkörper der Porträtierten konzentriert, denn die Darstellung von Händen und Gesten verweist als Handlung bereits auf eine folgende. Porträts zeigen weniger, wer wir sind, sondern eher, wer wir sein möchten.

IV.
Gerade diese Ambivalenz ist es, welche die Bilder von Monika Czosnowska für den Betrachter so reizvoll macht. Dadurch sind sie mehr als Monumente von Anmut und Würde. Auch wenn die Künstlerin alles tut, um diesen Eindruck à première vue zu verstärken. Sie fotografiert ihre Modelle – bis auf wenige Ausnahmen – frei gestellt vor hellen oder dunklen Hintergründen, die unseren Blick unabgelenkt und frontal auf die Dargestellten konzentrieren. Die nehmen in klassischer Manier die Mitte des Bildes ein, das Licht fällt hell und leuchtend auf sie und hebt ihre Gegenwart hervor. Und doch liegt die Schönheit dieser Aufnahmen weniger darin, dass sie ein Ideal von Reinheit und Vollkommenheit ausstellen, sondern vielmehr darin, dass sie den Wunsch danach sichtbar werden lassen. Was im Übrigen für den Betrachter auch fesselnder ist, denn so werden diese Bilder auf subtile Weise dramatisch. Vollkommene Schönheit zwingt den Betrachter stets zur Affirmation, ja fordert seine „Unterwerfung“. Und hat daher immer ein terroristisches Element. Deshalb dichtete Rilke in den Duineser Elegien: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang.“

V.
Der Reiz der Aufnahmen von Monika Czosnowska liegt in der dramatischen Widersprüchlichkeit von Sein und Wollen, von Existenz und Entwurf, von Ideal und Wirklichkeit. Der Novize mit den dunklen Haaren, Adrian, erinnert in seiner sinnlichen Schönheit an Stendhals Julien Sorel aus Rot und Schwarz, als er zum ersten Mal Madame de Rênal gegenüber tritt und sie bezaubert. Er könnte auch ein Hollywood-Schauspieler in der Rolle eines Novizen sein. Sein schräg am Betrachter vorbei in die Ferne schauender Blick ähnelt dem eines kühnen Abenteurers. Daniel, der Novize mit den kurzen Haaren, wirkt in sich gekehrter. Seine Augen prüfen den Boden vor ihm, als erwäge er ein philosophisches Problem. Seine Körperhaltung bleibt unentschieden zwischen Anpassung und Auflehnung, als müsse er noch entscheiden, ob er lieber für sich oder für die anderen da sein will. Larissa, die Novizin, erinnert in Tracht und Haltung an Jan Vermeers Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge – darauf ist schon oft hingewiesen worden. Den spröden, nachdenklichen Ausdruck ihres Gesichtes scheinen die dunklen Augen und ihre schönen, vollen Lippen Lügen zu strafen.

VI.
„Ich“ ist ein anderer, lesen wir bei Rimbaud. „Ich“ ist stets -mehrere – und wenigstens zwei – verraten uns bei näherer Betrachtung die Bilder von Monika Czosnowska. Die Sinnlichkeit, welche die von ihr Porträtierten trotz aller Sublimierungsanstrengungen so unübersehbar auszeichnet, ihr „Habeas-Corpus-Recht“, ihr Körperhaben, hat unübersehbar auch mit der Farbe der Bilder zu tun. Wenn schon immer wieder das Malerische der Czosnowska-Porträts hervorgehoben wird und die Orientierung ihrer Fotografie an der Renaissance-Malerei, dann sei in diesem Zusammenhang auch an den alten Renaissance-Streit zwischen Florenz und Venedig erinnert, was Vorrang haben solle in der Malerei, Farbe oder Linie. Das war ja stets mehr als ein nur akademischer Streit. Da ging es auch um die Priorität eines Menschenbildes. Wenn die Venezianer für die Farbe als primären Agenten der Malerei plädierten, dann gaben sie auch einem Blick auf die Welt den Vorzug, der die Wirklichkeit durch das Prisma des Gefühls wahrnimmt, nicht de more geometrico über die Linie als Medium der Kognition.

VII.
Betrachten wir Monika Czosnowskas Porträts vor dem Hintergrund der Werke eines der großen Porträtisten des letzten Jahrhunderts, August Sander, dann werden Unterschiede deutlich, die das Spezifische dieser Bilder weiter prononcieren. August Sander wird gerühmt als großer Soziologe unter den Fotografen, als Dokumentarist, der prägnant und akribisch die Menschen des 20. Jahrhunderts im Bild festhielt. Bei ihm geht das Allgemeine immer dem Besonderen voran oder besser, es geht in ihm auf. In seinen schwarzweißen Bildern gibt es keine Rollenkonflikte. Sondern er bemüht sich – mit Erfolg – den typischen Vertreter eines Berufes oder Standes im Bild zu fassen, so wie er und mit ihm die Menschen seiner Zeit diesen Typus verstanden. Das ergibt ein exzeptionelles Panoramabild der Gesellschaft der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Daher reicht Sander als Bezeichnung unter seinen Bildern Arbeitsloser, Gepäckträger, Schuster, Richter usw. Die Titel machen deutlich, dass das Individuelle hier im Typologischen verschwindet, bzw. von ihm nachhaltig bis hin zum Stereotyp geprägt wird.

VIII.
Ganz anders in den Bildern von Monika Czosnowska. Nicht von ungefähr trägt jedes ihrer Porträts den Vornamen des Dargestellten, was der Persönlichkeit gegenüber ihrem Stand als Novize oder Eleve den Vorrang gibt. Diese Privilegierung des Besonderen gegenüber dem Allgemeinen grenzt Czosnowskas Porträts von denen Sanders ab. Sie macht, dass jede Aufnahme ein Minidrama aufführt, in dem Wunsch und Wirklichkeit, Tag und Traum, Ideal und Alltag gegen einander stehen. Die Bildergalerie ist auch eine subtile Kritik jeder Art von Kollektiv und der Vorstellung, es könne vor dem Individuum rangieren. Wie sollte das wohl sein, wenn das Charakteristikum der Gruppe in Czosnowskas Bildern gerade ihre Differenzierung und nicht die Normierung ist? Die Knaben des Chors in der Bildreihe der Eleven eint ihre einheitliche Tracht und ihr Enthusiasmus für den Gesang. Ansonsten sind sie schon heute so verschieden von einander, wie sie es auch in Zukunft sein werden. Hinter ihren andachtsvollen Mienen blicken uns der Kühne, Mutige und Draufgängerische ebenso an wie der Schüchterne, Stille und Nachdenkliche.

IX.
Nicht anders bei den Porträts der Schüler und Jugendlichen. Schauen wir auf das Mädchen mit den blonden Haaren, Clara, die vor einer Wand im Freien posiert, mit züchtig vor dem Schoß gefalteten Händen. Die ungebändigte Flut ihrer goldblonden Locken lässt eine künftige Wildheit erahnen, die der Blick der blauen Augen vielleicht noch nicht herausgibt, aber doch schon ihr leicht spöttischer Mund. Ein anderes Mädchen, Marta, hat etwas Katzenhaftes und Sinnliches, das sich in den kommenden Jahren wohl noch verstärken wird. So geht es auch mit der träumerischen Aura des dunkelhaarigen Mädchens mit den großen, braunen Augen, Hanna. Oder mit der wohl erzogenen und nachdenklichen, gleichwohl skeptischen Haltung des dunkelblonden Jan. Der freie, offene Blick des blonden Jonas zeigt schon jetzt den Kämpfer, der seine Überzeugungen engagiert zu vertreten weiß. Oder die verschlossenen Lippen des jungen Maximilian, der den Eindruck erweckt, als schulde die Welt ihm etwas. Dann das Mädchen mit der stolzen Haltung, Anastasia, hinter der man bereits die selbstbewusste junge Frau erahnt.

X.
Sie alle fesseln nicht allein als Darsteller von Anmut und Grazie, als Repräsentanten einer von innen strahlenden und als Verächter einer modischen, im Zeitgeist aufgehenden Schönheit, sondern auch durch die Ambivalenzen, die ihrer Darstellung eingeschrieben sind. Das ist das von Roland Barthes beschriebene punctum in Czosnowskas Bildern, was sie in unserem visuellen Gedächtnis verbleiben lässt und unvergesslich macht. Dazu kommt, dass die Fotografien der Künstlerin die conditio humana nicht als ideale, sondern eher als eine nach dem Idealen strebende Existenz beschreiben. Eine Existenz, deren Wesen der Widerspruch ist. Die sich entfaltet in den gegensätzlichen Aspirationen von Kopf und Körper, Sinn und Sinnlichkeit, Ideal und Wirklichkeit. Diese auszuhalten, auszugleichen und auszubalancieren sind wir aufgerufen. Wie auch die Diskrepanz zwischen dem Besonderen und dem Allgemeinen, dem Individuellen und dem Stereotypen. Ohne nur im Entferntesten identisch zu sein, gehen sie in den Bildern von Monika Czosnowska doch eine stark ausstrahlende Wechselwirkung ein. Das zu beobachten ist ebenso faszinierend wie erhellend.

Alle biografischen Angaben wurden zum Zeitpunkt des Stipendiums verfasst und haben keinen Anspruch auf Aktualität. Für nähere Informationen besuchen Sie bitte die Webseiten der Künstler:innen, sofern vorhanden und hier aufgeführt.